ÖKO-TEST
hat mehr als 40 dauerhafte Haarcolorationen unter die Lupe genommen.
Das Ergebnis ist niederschmetternd: Alle Marken fallen mit ungenügend
durch den Test. Dennoch: Es gibt Alternativen!
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Der
Verlust der Haarfarbe ist für viele Frauen völlig inakzeptabel,
immerhin colorieren sich 60 Prozent ihr Haar. Und ein Blick in Magazine
wie Gala oder Brigitte zeigt, es halten eigentlich nur königliche
Persönlichkeiten wie Queen Elisabeth, 82, ihre irgendwie zwischen
Silberzwiebel und mausgrau changierende Wasserwelle in die Linse der
Fotografen. Dagegen werben Schauspielerinnen wie Iris Berben, die
Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler und Desperate-Housewives-Star Eva
Longoria sogar für die Haarfärbeprodukte von L’Oréal und Garnier. An
der Männerfront entdeckt man jedoch Mut zum Grau, straßenkötergrau etwa
bei George Clooney, 47, und schlohweiß bei Karl Lagerfeld, 74.
Mehr
als die Hälfte der gefärbten Schöpfe hat zum ersten Mal mit 16 Jahren
Bekanntschaft mit dem Farbtopf gemacht. Somit steigt natürlich auch die
Anwendungsdauer. Denn alle vier bis sechs Wochen müssen der Haaransatz
gefärbt und die Haarlängen aufgefrischt werden. Grund: Die permanenten
Haarfarben, sie machen 70 bis 80 Prozent des Haarfarbenmarktes in
Europa aus, schwächeln unter Sonneneinstrahlung, häufigem Waschen und
der Hitze des Föhns. Dabei sind konventionelle Haarfarben eine echte
Strapaze fürs Haar. Die Farbcremes enthalten Alkalisierungsmittel.
Diese öffnen die Schuppenschicht der Haare, nur so können die
Farbpigmente ins Haar eindringen und das Haupt dauerhaft färben. Zudem
machen Oxidationsmittel wie Wasserstoffperoxid das Haar rau und spröde,
es verliert seinen Glanz und muss dann mit Spülungen und Kuren wieder
glänzend und glatt getrimmt werden.
Natur statt Chemie?
Die Alternativen zu den Chemiefarben sind
Pflanzenhaarfarben. Sie machen das Haar durch den adstringierenden
Effekt der enthaltenen Gerbsäuren etwas härter. Solche Naturfarben
spielen jedoch in den meisten Friseursalons keine Rolle. "Nur etwa zwei
oder drei meiner Friseurschülerinnen in der Klasse arbeiten in Salons,
die auch Pflanzenfarben einsetzen. Prüfungsrelevant für die Ausbildung
ist der praktische Einsatz pflanzlicher Colorationen auch nicht",
erklärt Beate Sehnert, Berufschullehrerin an der Frankfurter Schule für
Mode und Bekleidung. Dabei erfordere das Färben mit Pflanzenhaarfarben
viel Erfahrung und Experimentierfreude, eine gute Weiß- und
Grauabdeckung sei eigentlich nur mit rotem Henna möglich.
Dieser
Herausforderung hat sich Andrea Deuser gestellt. Sie bietet
Colorationen mit Pflanzenhaarfarben seit 2004 in ihrem Wiesbadener
Salon Hair Image an. Die pulverförmigen Pflanzenfarben rührt sie mit
warmem Wasser an und mischt noch Feuchtigkeits- und Proteinprodukte auf
Naturbasis unter. Da Henna die beste Deckkraft hat, färbt Deuser für
Braunnuancen in zwei Schritten. Zuerst werden die grauen Haare deckend
rot gefärbt und darüber quasi eine zweite abmattierende Pigmentschicht
gelegt, durch die schöne warme oder kalte Brauntöne erzielt werden.
"Früher musste ich oft noch Probesträhnchen bei meinen Kundinnen
machen", erzählt Deuser, "heute weiß ich, wie ich bei welchem Haar die
gewünschte Farbe hinbekomme." Sie ergänzt: "Meine Kundinnen bekommen
mittlerweile viele positive Komplimente für ihr Haar. Es glänzt, sieht
vitaler aus, die Farben halten so gut, dass teilweise nur die Ansätze
zu färben sind und nicht jedes Mal die Haarlängen". Die Farbe sei zudem
individueller, da die grauen und weißen Haare die Farben
unterschiedlich stark annehmen und natürlich wirkende Strähncheneffekte
entstehen. Der Zeitaufwand für die Kundin ist oft größer als bei
chemischen Haarfarben, da das Auftragen der Pflanzenhaarfarbe länger
dauert, ebenso die Einwirkzeit. Von den Kosten her seien jedoch beide
Techniken vergleichbar: Für kurzes, feines Haar müsse man mit rund 30
Euro rechnen, für langes Haar rund 50 Euro.
ÖKO-TEST hat 41 dauerhaft haltbare Haarcolorationen in Braun- und
Rotnuancen sowie ein Produkt zum Nachfärben des Haaransatzes eingekauft
und die Inhaltsstoffe beurteilt.
Das Testergebnis
...
ist und bleibt - im Vergleich zu unserem letzten Test Haarfarben - sehr
unbefriedigend: Alle 42 untersuchten Haarfarben schneiden mit
"ungenügend" ab.
Die häufigsten Haarfarben in den getesteten
Produkten sind aromatische Amine, von denen viele unter Krebsverdacht
stehen (siehe Kasten). Solange der Verdacht nicht ausgeräumt ist, gibt
es für diese Farben vier Punkte Abzug.
Viele Haarfarben - dazu gehören das in allen getesteten Marken
enthaltene Toluene-2,5-Diamine, das oft eingesetzte m-Aminophenol und
auch Resorcin - haben zudem ein erhebliches Sensibilisierung- und
Allergiepotenzial. Die weltweit größte Datenbank für Kontaktallergien
(IVDK) in Göttingen beobachtete bereits zwischen 1995 und 2002 einen
signifikanten Anstieg der Sensibilisierungen gegen Toluene-2,5-Diamine.
Aktuelle Daten des IVDK belegen einen weiteren deutlichen Anstieg
zwischen 2003 und 2006. Kontaktallergien auf Haarfarben können sehr
unangenehm sein, sie reichen von Juckreiz der Kopfhaut, am Hals oder
Nacken bis hin zu extremen Rötungen und Schwellungen der Gesichtshaut.
28
Marken kassieren für umstrittene halogenorganische Verbindungen
Minuspunkte. In mehr als zehn Marken ist es die Substanz Chlorhexidin
und in der Viva Aufregend Lebendige Farben 45 Marone das
Methylchloroisothiazolinone. Beide Substanzen machen Kosmetika haltbar,
allerdings wirken beide auch allergen.
Perfekter Auftritt
Das
neue ÖKO-TEST Kompakt Perfekter Auftritt gibt viele Tipps zum Färben
mit Pflanzenhaarfarben zu Hause. Weitere Themen sind u.a Pflege für
jeden Haartyp, welcher Stil passt zu mir und Risiken der
Schönheitschirurgie. Es erschien am 22. September und kostet 3,90 Euro.
Es ist an jedem Kiosk erhältlich, per Tel. 069/365062626 oder direkt
unter shop.oekotest.de
Sanfter färben?
Auch wenn die Hersteller sie oft als sanfte
Haarfarben bewerben: Tönungen und Intensivtönungen enthalten ebenso wie
Haarcolorationen problematische Farbstoffe. Tönungen sind Haarfarben
der Stufe 1, sie halten sechs bis acht Haarwäschen. Vereinzelte graue
Haare lassen sich damit kaschieren. Intensivtönungen (Stufe 2)
überstehen bis zu 24 Haarwäschen. Mit ihnen ist eine leichte Aufhellung
möglich, sie decken einen Grauanteil von 50 Prozent ab.
Oxidationshaarfarben (Stufe 3) bleiben dauerhaft im Haar. Graue Haare
lassen sich mit ihnen komplett abdecken.
Trendfarbe Grau
Diesen
Herbst und Winter kann uns nichts grau genug sein. Wir tragen graue
Knöchelstiefeletten und Booties, graue Hosen, Blusen und Pullis sowieso
und nennen mindestens noch ein graues Accessoire - auf jeden Fall eine
Tasche - unser Eigen. Denn: Grau ist das neue Schwarz! Doch als wir
letztens das Frauenmagazin Für Sie aufschlugen und mit einer neuen
Trendansage konfrontiert wurden, mussten wir erst mal nach Luft
schnappen: Grau ist das neue Blond! Die Models, Schauspielerinnen und
anderen befragten Karrierefrauen wie die Modedesignerin Gabriele
Strehle und die amerikanische Fotografin Annie Leibovitz - alle
zwischen 43 und 73 Jahre alt - gestehen da selbstbewusst: Wir haben die
ewige Färberei satt. Und sie sehen "natürlich ganz fabelhaft aus" mit
ihren Silbersträhnen.
Lösen Haarfarben Krebs aus?
Seit 2001 in epidemiologischen
Studien ein Zusammenhang zwischen der Anwendung von Haarfarben und
Blasenkrebs festgestellt wurde, erarbeitet die EU eine Positivliste von
Farben, benötigt dazu allerdings noch ein bis zwei Jahre. Man könne
aber schon heute sagen, so Professor Thomas Platzek, Toxikologe am
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), dass die derzeit in Europa
auf dem Markt erhältlichen Haarfarben mit hoher Sicherheit keinen Krebs
auslösen.
Professor Klaus Golka, Leiter der Klinischen
Arbeitsmedizin an der Universität Dortmund, bestätigt dies vorsichtig:
"Bekannte Sünder bei den Haarfarben sind erst mal vom Markt.
Derzeitiger Kenntnisstand ist, dass das Krebsrisiko durch derzeit am
Markt erhältliche Haarfarben nicht belegt ist. Klare Ergebnisse können
aber erst zukünftige epidemiologische Studien zeigen, da die
Latenzzeiten für Krebserkrankungen 20 bis 30 Jahre und mehr betragen
können."
Auch die International Agency for Research on Cancer
(IARC) befreit die Haarfarben nicht vollständig vom Krebsverdacht. So
wird die berufliche Exposition bei Frisören - aufgrund von Daten zu
Blasenkrebs - als wahrscheinlich kanzerogen für den Menschen
eingestuft. Ebenso zeige die persönliche Anwendung von Haarfarben in
verschiedenen Studien ein mögliches mäßiges Risiko für
Krebserkrankungen des Lymphsystems und für Leukämie. Da die Datenlage
insgesamt jedoch widersprüchlich sei, nimmt das IARC hierzu vorerst
keine Einstufung vor.
Doch auch wenn die Positivliste fertig
ist, wird wohl ein Problem weiterhin ungelöst bleiben. Alle EU-Dossiers
zu Haarfarben, es sind mittlerweile mehr als 130, fordern weitere Daten
zur fertigen Mixtur aus Farbcreme und Oxidationsmittel. Denn mischt man
die Farbcreme, die farblose Farbstoffbausteine enthält, mit dem
Oxidationsmittel, reagiert dieses Gemisch auf dem Kopf zu etlichen
Zwischen- und Endprodukten, über deren erbgutverändernden Effekte so
gut wie nichts bekannt ist.
Quelle: ökotest, Autor: Christine Throl